Was passiert, wenn Musik und Gedicht sich treffen?

Vortrag

Das Lied gilt als besondere musikalische Kostbarkeit: ein kleines Gesamtkunstwerk, das aus der Begegnung eines gelungenen Gedichts mit schöner Musik entsteht. Trotz all der Perfektion, welche Lieder auszustrahlen scheinen, ist dieses harmonische Bild aber trügerisch. Bei näherem Zusehen zeigen sich interessante Probleme und unerwartete Konfliktzonen. Hans-Joachim Hinrichsen geht ausgehend hiervon den Fragen nach, wie harmonisch die Synthese von Poesie und Musik in Wirklichkeit funktioniert und was das für das Hören von Liedern bedeutet.

Hans-Joachim Hinrichsen
Im Rahmen des Lied-Happenings «Fesselt mich in Sympathie!»

Liebe Freundinnen und Freunde des Liedes!

So wage ich Sie anzusprechen, weil ich vermute, dass Sie sich hier aus Liebe zu einer ganz besonderen Kunstform versammelt haben, die man eben in verschiedenen europäischen Sprachen als «das Lied» bezeichnet. Obwohl das Englische und das Französische eigene Wörter für «song» oder für «chanson» haben, ist dieser Kunstform, über die ich hier sprechen möchte, auch in diesen Sprachen die Ehre eines Lehnworts zuteilgeworden: Es heisst im Angelsächsischen «the Lied» so wie im Französischen «le Lied». Um was also handelt es sich dabei? Mit dem «Lied» – das gilt für die folgenden 20 Minuten – meine ich jenes besondere Gebilde, das im deutschsprachigen Kulturraum vom späten 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein aus der Begegnung von Poesie und Musik entstanden ist: in seiner Reinform als Klavierlied ein kleines Gesamtkunstwerk.